Mediensituation “öffentliche Live-Radiosendung” in Brake

Warum sprach eigentlich während der ganzen 60-minütigen Radiosendung niemand diese eine Wort:

Vergebung

Am Mittwoch, 10. März veranstaltete das Nordwest-Radio im Braker Hotel Wilkens eine Podiumsdiskussion mit dem Titel “Müssen Politiker Vorbild sein? Der Streit um die Abwahl des Bürgermeisters von Brake”. Teilnehmer waren Bürgermeister Roland Schliefke selbst, Ingo Logemann (SPD), Daniel Stellmann (CDU), Olaf Lies (SPD) sowie der zugeschaltete Journalist Dr. phil. Peter Zudeick. Diese Veranstaltung besuchte ich persönlich.

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Geht ins Ohr, bleibt im Kopf: Braker Podiumsdiskussion im Nordwest-Radio (Fotos: medienfloh)

Die Diskussion steht online zum Nachhören bereit: Streit um die Abwahl des Bürgermeisters von Brake , [38:47] (Bei Problemen bitte bei mir melden.)

Die Diskussion wurde in regelmäßigen Abständen mit Musik unterbrochen. Diese ist im Online-Mitschnitt nicht mehr zu hören. Der erste Schnitt liegt z.B. bei 1′09″, nachdem Ingo Logemann darlegen konnte, warum die SPD eine Abwahl fordert. In der anschließenden Musikpause erläuterte Moderator Stefan Pulß, dieses diene als Appetit-Anreger.

Man hörte des öfteren Störungen des (schnurlosen) Mikrofons. Später wird der Moderator dieses mit Beeinflussung des Radars vorbeifahrender Schiffe erklären. (Nach “Furuno” googeln bringt mich auf die Idee, daß Radar bei 9,4 GHz funkt. Der Moderator müßte sich entweder die Hand verbrennen oder über Krebsvorsorge nachdenken, sollte sein Mikrofon auf der selben Wellenlänge funken. Außerdem korrigierte er die Störungen seltsamerweise selbst durch Drehen um die Längsachse des Mikros. Für die Techniker hier ist das sicherlich ein Hinweis.)

Die Veranstaltung war mit etwa 30 Leuten besucht. Bei so kleinen Gruppen, die freien Zutritt haben, läuft die Veranstaltung natürlich Gefahr, gehackt zu werden. Und wen wunderten da die Jubelperser, die dann entweder ihren “Gegner” durch Zwischenrufe, Stöhnen, Zischen, Schnalzen störten oder aber ihren Favoriten “bejubelten”.

Auffallend ist, daß mit Frank Jungbluth, Chef vom Dienst der Nordwest-Zeitung, doch noch jemand aus dem Zuschauerraum die Gelegenheit bekam, ein paar Worte zu sagen. Dieses stand weder auf der Webseite von Nordwest-Radio, noch soll es den Diskussionsteilnehmern vorher bekannt gewesen sein. Grund war wohl der, daß es einen Streit auch zwischen dem Bürgermeister Roland Schiefke und der NWZ gibt, ein Meta-Streit sozusagen. Was hatte das mit dem Thema der Sendung zu tun? Aber auf mich wirkte es ein wenig wie “aus heiterem Himmel”, und die Ähnlichkeit der Namen von Nordwest-Radio und Nordwest-Zeitung erfuhr hier eine ganz komische Bedeutung…

Sowieso war es eine bizarre Anmutung, fleißig mitschreibende Medienvertreter zu sehen, die hier ihre Primärquelle vermuteten: auf einer medialen Radio-Podiumsdiskussion! Liebe Leute, das war keine Pressekonferenz! (Und ich dachte, ich wäre ein Meta-Medium!)

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Nur wenn das Fenster auf Kipp steht, kommt das Radio raus: NDR, Radio Bremen oder Nordwest-Radio bei der Arbeit

Vorweg mal das: Medien haben mit der Wirklichkeit nicht das geringste zu tun! Medien konstruieren auch keine Realitäten, wie das viele PR-Berater gerne hätten. Sie sind – in Anlehnung an Daniel Stellmann – ein Abbild, und mit der Qualität Güte der Abbilder steht und fällt die Existenzberechtigung eines Mediums.

Weiter besteht die Gefahr solcher Arbeitsweisen in einem “logischen Kurzschluß”, es droht die Gefahr, daß ein Medium sich zum Beweis auf ein anderes Medium bezieht, welches sich wiederum auf das erste Medium bezieht. Diese unerlaubte Rekursion funktioniert dann wie ein Alibi, das man sich gegenseitig gibt.

Drittens besteht bei medialer Berichterstattung immer das Potential, daß aus einem Konflikt (hier: Steuerbetrug, Wahlbetrugsvorwurf, Abwahlforderung usw.) ein weiterer Konflikt auf einer Metaebene entsteht. Es ist der oben besagte Meta-Konflikt, wenn nun der Bürgermeister gegen die Zeitung und die wieder gegen den Bürgermeister vorgeht. Und wenn dann der Ursprungskonflikt gelöst ist, bleibt ein Meta-Konflikt, dessen Sinnhaftigkeit zurecht ernsthaft infrage zu stellen ist. Von den Unkosten für Gerichte und Rechtsanwälte und dem Scherbenhaufen mal ganz abgesehen.

Als Moderator Stefan Pulß gegen Ende der Sendung die vergangenen Skandale in der Region aufzählte, fragte er zynisch, ob es sich um eine “Berlusconisierung der Wesermarsch” handelte. “Treffer versenkt!”, ging es mir da durch den Kopf. Aber Berlusconi ist auch jemand, der bestimmte Medienunternehmen unter seiner Kontrolle hat, womit dieser Vergleich für diese Breitengrade wohl eher kaum zutreffend ist. Aber auch Roland Schiefkes Obama-Vergleich hätte auch besser in die Sabine-Christiansen-Show gepasst als in das im Zweifel doch bodenständige Brake.

Inhaltlich kann und will ich die Lage als Außenstehender nicht beurteilen. Das ist mir ehrlich gesagt auch zuwider, denn jede Lösung würde meine persönliche Sitution weder verbessern noch verschlechtern.

Aber einen Appell möchte ich doch an dieser Stelle loswerden:

Grundsätzlich müssen Gemeinschaftsaufgaben auch von der Gemeinschaft getragen werden. Dafür werden Steuern erhoben. (Im alten Rom mit dem Steuerbescheid in der einen und Schwert in der anderen Hand! So war das wirklich!) Und wer keine Steuern bezahlt, handelt unmoralisch. Auch die Frau, die ihren Ehemann betrügt, handelt unmoralisch. Aber wie sagte Jesus so schön: “Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein…”

Was ich hier eindeutig vermisse ist die Idee der Vergebung. Um vergeben zu können, muß man erst einmal verstehen. Dafür bedarf es der Information, der Transparenz aber auch des Interesses derer, die urteilen.

Wie wäre also bei der öffentlichen Befragung durch den Rat der Stadt Brake diese Frage:

“Sind Sie bereit, Roland Schiefke seine Schuld zu vergeben?”

5 Comments

  1. [...] This post was Twitted by Pillendreher [...]

  2. 50hz sagt:

    Ich stecke in den Braker Verhältnissen zu wenig drin, um ein wirklich fundiertes Urteil zur Gesamtsituation abgeben zu können.
    Aber zur Eingangsfrage, sei der Hinweis erlaubt, dass für Vergebung Reue und Demut gute Voraussetzungen sind. Aus der Entfernung betrachtet sieht es nicht danach aus, als würde Bürgermeister Schiefke sich darin üben. Eher im Gegenteil.

  3. [...] II: Mediensituation “öffentliche Live-Radiosendung” in Brake – Beim Medienfloh fragt man nach [...]

  4. medienfloh sagt:

    @ 50Hz

    Guter Kommentar! Dem kann ich nur zustimmen, daß dazu natürlich auch Reue und Demut gehört!
    Wie gesagt, kam das Wort nicht einmal drin vor, ich hatte mich über die gewundert, die hier “ohne Sünde” waren. Ich finde, daß hätte angesichts der Sendung zu Schuld, Moral und Vorbildfunktion aber gut gepasst – auch wenn man letztlich nicht vergibt.

  5. Gunnar Barghorn sagt:

    @ 50Hz, @ medienfloh.
    Das mit der Bitte um Verzeihung und dass es ihm leid tue, hat Roland Schiefke im Rahmen der öffentlichen Ratssitzung am 04.02.2010 gemacht. (vgl. http://www.tv-wesermarsch.de).
    Er bekennt sich dort deutlich zu seinem Fehler.
    Durch meine weitergehende Kenntnis der Sachlage sehe ich allerdings nicht einmal die Notwendigkeit dazu. Roland Schiefke hatte zu keiner Zeit beabsichtigt dem Staat Steuern vorzuenthalten. Die Auseinandersetzung mit der Finanzbehörde, welche durch die Akzeptanz eines Strafbefehls beendet wurde, drehte sich um die Frage des richtigen Jahres der steuerlichen Veranlagung.
    Hier sei angemerkt, dass der Sachverhalt ausgesprochen komplex ist (schließlich dauerte die Auseinandersetzung zwischen den Finanzbehörden, Steuerberatern und Fachanwälten über 6 Jahre an).

    Mit der Kenntnis von heute sagt Roland Schiefke selbst, dass er den Strafbefehl nicht hätte akzeptieren sollen, sondern das Verfahren ordentlich hätte zu Ende streiten sollen. Ungeachtet des akzeptierten Strafbefehls (die Gründe hierfür hat Herr Schiefke ebenfalls in der öffentlichen Ratssitzung dargelegt) sieht sich Herr Schiefke in der behandelten steuerlichen Frage nach wie vor im Recht. Vor diesem Hintergrund ist es doppelt schwierig Reue und Demut zu zeigen.

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